• Ulrike Haage & Christian Meyer

  • Fr, 05.04.2019 ab 21:00 Uhr
  • Live im CVJM
    Große Petesgrube 11
    23552 Lübeck
Ulrike Haage & Christian Meyer - Live im CVJM - Lübeck
  • stills...wenn da, wo eben noch Nichts war, plötzlich Klang wird, gibt es kein Wort, das diesen Übergang von Nichts zu Etwas beschreiben könnte. Kein Zustand ist unveränderlich. Ulrike Haage und Christian Meyer gelingt es auf ihrer CD „stills“, die Messbarkeit der Zeit zu überwinden und dem Augenblick Flügel zu verleihen, auf dass er sich ausdehne.“Musical composition does not consist merely of writing down notes. Composing is not only making sound. It is philosophy, silence, speed, rhythm, everything“ Arne NordheimHaage und Meyer komponieren Musik, die leise und kaum wahrnehmbar beginnt, sich behutsam aufbaut und dann Innen- und Außenräume füllt. Klangliche Stillleben, die unmerklich in Bewegung geraten. Im Herzschlag ihrer Stücke entstehen Momente von umwerfender und seltener Schönheit.Dabei folgen Ulrike Haage und Christian Meyer einem radikalen Ansatz: Sehr genau, fast unerbittlich widmen sie sich der Transparenz des Klanges. Das Unhörbare hörbar machen – beiden Musikern scheint dies auf „stills“ fast ohne jede Anstrengung zu gelingen. Sanftmütig ist das im Ton und bedacht im Tempo.Die verschränkten Metamorphosen der Pianistin Ulrike Haage und des elektronischen Klangerfinders Christian Meyer sind aufs Äußerste reduziert. Nur was wesentlich ist, wird gespielt. Von persönlichen Erfahrungen, Betrachtungen und Beobachtungen ausgehend, kommen die beiden bei einer Art Urstruktur des Hörbaren an. Sie versetzen das Periodensystem der akustischen Elemente in Schwingung. Doch es ist nicht das viel zitierte Spiel mit der Stille, das hier zum Tragen kommt. Haage und Meyer spielen mit dem ausgefüllten Nichts, einem physisch spürbaren Unausgesprochenen, in dem keine Aussage per se mit Bedeutung behaftet ist, sondern in welchem sich jeder Sinn erst noch manifestieren muss. Die Kategorien „Viel“ und „Wenig“ heben sich auf, denn der einzige Maßstab dafür ist in diesem Kontext das überaus fragile Gewebe der gemeinsamen Kompositionen. „Ich bin ein großer Freund von Transparenz“, verrät Ulrike Haage, „denn Transparenz heißt den Zuhörer willkommen. Jeder kann sich mit seiner eigenen Gedankenwelt in die Musik einklinken und Assoziationen entfalten, die nichts mit unseren Beweggründen zu tun haben. Man muss sein Ohr spitzen. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt des Hörens. Wie bei Tieren, die ihre Ohren aufrichten und dann merken, da ist etwas. Stille tritt erst ein, wenn die Musik verklungen ist.“ Ulrike Haage und Christian Meyer geben der Musik Zeit. Akustisches auf dem Flügel und Elektronisches aus dem Computer gehen in jeder Komposition eine unvorhersehbare Symbiose ein. Das kommt nicht von ungefähr. Die Beiden kennen sich schon sehr lange. 2015 lud die Pianistin den Elektroniker zur Mitarbeit an zwei Stücken ihrer letzten CD „Maelstrom“ ein, er ließ sie in einer seiner Filmmusiken Klavier spielen. Beide durchdringen die Klangwelt des jeweils anderen, eignen sich gegenseitig Landstriche an und verdichten sie zu einer utopischen Landkarte, deren Topographie keine Grenzen zulässt. Musik war der Gesellschaft zu allen Zeiten ein gehöriges Stück voraus. So neu und unerwartet „stills“ auch klingt, bestätigt die CD doch einmal mehr dieses Prinzip, das so alt ist wie die Musik selbst. Ulrike Haage spricht von Forschung, wenn sie den Prozess der gemeinsamen Arbeit an dem Projekt beschreibt. Christian Meyer fügt hinzu: „Es war uns wichtig, akustische und digitale Klänge zu verschmelzen. Spannung entsteht, wenn man nicht mehr zuordnen kann, welches Element woher kommt. Daraus führt zu einer ganz anderen Aufmerksamkeit.“Meyers Begriff von Spannung darf durchaus nicht nur im Sinne einer gespannten Erwartungshaltung seitens der Musiker oder Hörer verstanden werden, sondern als physische Spannung. So entspannt die Stücke oder bestimmte Passagen im Einzelnen klingen, sind sie doch aufgeladen wie eine Starkstromleitung. Im Vertrauten verbirgt sich das Unerwartete, das Überraschende wiederum offenbart immer wieder Vertrautes.Ulrike Haage spricht von Romantik mit zeitgemäßen Mitteln. Es geht nicht darum, an die Musik von Schubert oder Brahms anzuschließen, sondern um Teilhabe an einem kosmischen Lebensgefühl, das man zum Beispiel in den Bildern eines Caspar David Friedrich findet. Das Einzelne im Universum, das Konkrete in der Abstraktion. So ist es alles andere als ein Zufall, dass „stills“ mit dem Song „Mondnacht“ abschließt, das nicht umsonst an ein gleichnamiges Gedicht von Joseph von Eichendorff erinnert. Am Ende versinkt der Klang hinter den Baumkronen der taufrischen Erinnerung abermals im ausgefüllten Nichts, auf dass er erneut erweckt werde.